2015 – Der Geizige

Verrückte Typen, verknallte Pärchen & ein verschrobener Patriarch in Badeschlappen! Die Querstreicher zeigen „Der Geizige“ nach Molière, inszeniert von Wolf Koschwitz.

Alle Vorstellungen: Sa, 10.10.2015 (Premiere) |
So, 11.10.2015 | Sa, 17.10.2015 | So, 18.10.2015 jeweils 19:00 Uhr

2014 – Welttheater

Berlin im Frühjahr 1933: in Max Reinhardts Deutschem Theater findet die Premiere von Hugo von Hofmannsthals „Großem Welttheater“. Wiederholt hat der große Regisseur sein Ensemble aus das eingeschworen, woran er noch immer glaubt: „Wir sind keine Politiker, ich für mein Teil bin es gewiß nicht. Ich bin nichts als ein Theatermann. Mein Leben gehört ganz jener zauberhaften Welt, die der Mensch geschaffen hat, nach seinem Ebenbild. Die Welt empfängt ihr Licht, Wärme und Leben von der Wirklichkeit, aber sie ist ein Planet für sich und dreht sich um ihre eigene Achse, nach eigenen Gesetzen.“

Wie sehr zu diesem Zeitpunkt die Wirklichkeit bereits dunkle Schatten auf das Kunstgestirn wirft ist den Schauspielern jedoch klar: zwei Tage zuvor ist der Reichstag abgebrannt und Reichskanzler Adolf Hitler hat daraufhin mit dem Notverordnungsparagraphen die Verfassung der Weimarer Republik außer Kraft gesetzt. Reinhardt ist Jude. Die Premiere ist gleichzeitig seine Abschiedsvorstellung denn er muss aus Deutschland fliehen und er ist nicht der einzige in der Garderobe des Deutschen Theaters – dem Handlungsort des Stückes – der an diesem Abend an Flucht aber auch an Widerstand denkt.

Beklommen lauschen Sie jenen im Ohr der Nachwelt ahnungsvoll-prophetisch klingenden Versen des Bettlers: „Der Weltstand muß dahin, neu werden muß die Welt, und sollte sie zuvor in einem Flammenmeer und einer blutigen Sintflut untertauchen.“ Andere im Ensemble wittern in der Machtübernahme langersehnte Aufstiegschancen. Wut und Resignation liegen an diesem Aschermittwoch über der Vorstellung, wie der schwarze Rauch über der Hauptstadt. Doch: the show must go on.

Ensemble: Max Reinhardt, der Weltberühmte Regisseur des DT –  Cihan Büyükari | Sophie Weißhaupt, Darstellerin der Weisheit – Selen Ericok | Emma Regenthal, Darstellerin der Schönheit – Lara Wehlan | Samuel Grünwald, Darsteller des Bettlers – Elias Weber | Otto Haller, Darsteller des Reichen – Till Hartig | Dorothy Parker, Theaterkritikerin von internationalem Renommee – Mara Tegtmeier | Herr von Danneberg, Kapellmeister Wolf Koschwitz | Gitarrist – Micha Strahl | Fagottist – Max Müller | Heinrich Schneider, Statist – Fabian Nowak | Frl. Semmele, Souffleuse – Eve Mahn | Friederike, Kostümbildnerin – Jasmin Zamani | Mechthild, Maskenbildnerin – Mathilde Röhr | Rolf, Bühnenarbeiter – Simon Lubig | Wilhelm Rittner, Feuerwehrmann – Jochen Taeschner

Produktionsteam: Spielleitung/ Stück: Anja Wagner | Musikalische Leitung/ Komposition: Wolf Koschwitz | Produktionsleitung: Norbert West (Werk9) | Grafik/ Layout: Regina Tyllack | Bühnenbild: Shanti Strauch; Anja Wagner  | Lichttechnik: Annette Schulze

Alle Vorstellungen: Sa, 21. Juni 2014 | So, 22. Juni 2014 | Di, 24. Juni 2014 | Sa, 06. September 2014 | So, 07. September 2014 | Sa, 28. Februar 2015 | So, 01. März 2015, jeweils 19:00 Uhr

Zerstörte Vielfalt

Mit einem Themenjahr unter diesem Schlagwort hat die Kulturhauptstadt Berlin im 2013 Stellung bezogen zum 80. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht 1938. Der Vielfalt des Lebens in der Weltstadt und dessen Zerstörung im Nationalsozialismus wurde mit zahlreichen Aktivitäten gedacht, zu denen etliche Berliner Institutionen wie Museen, Gedenkstätten, Archive, Universitäten, Kirchen, die Jüdische Gemeinde, der Landesverband der Sinti und Roma, die Geschichtsinitiativen und Kultureinrichtungen der Stadt und viele mehr ihren Teil beitrugen.

Mitten in Berlin bringt die Jugendtheatergruppe Querstreicher am kommenden Wochenende ein Nachspiel zum Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ auf die Bühne und gedenkt damit gleichzeitig eines weiteren Jahrestages: 2013 jährte sich das Geburts- und Sterbejahr des großen Theatermannes Max Reinhardt zum 140. bzw. 70. Mal.

2013 – Die Räuber

Das Stück
Es war einmal ein Vater, der hatte drei Kinder: Maximilian von Moor sieht in seinem ältesten Sohn Karl, einem charismatischen Freidenker, die Zukunft seiner Firma und überschüttet ihn mit dem väterlichen Lob und Stolz, welches er seinem jüngeren Sohn Franz entzieht. Auch die kleine Halbschwester der beiden ungleich(behandelt)en Brüder, Amalia, von diesen kurz Ami, Freund, gerufen, schenkt all ihre Zuneigung dem älteren, dem fernen Bruder. Denn Karl hat sich, von den Ansprüchen des Vaters überfordert, zum Studium nach Leipzig abgesetzt und zieht mit seinen Kommilitonen, angeführt von dem Anarchisten Spiegelberg, durch die alternativen Kneipen der Vorstadt. Franz sucht diese Abwesenheit des Älteren derweil auszunutzen, um den Vater für sich zu gewinnen, scheitert jedoch an dessen Voreingenommenheit. Getrieben von Neid und Eifersucht gegen den Bruder und aufkeimendem Hass dem Vater gegenüber, dem er diese unverdiente Kaltherzigkeit nicht verzeihen kann, setzt Franz einen Plan in die Tat um, der ein Inferno auslöst indem all das untergeht, was der Vater seinen Kindern an Werten, Idealen, Hoffnungen und Gewissen mit auf den Lebensweg zu geben gedachte. Die Jugend erhebt sich im Feuersturm, doch was bleibt sind verklingende Rauchzeichen am Horizont.

Das Konzept
Was ist Gerechtigkeit? Keine andere Frage ist so leidenschaftlich erörtert, für kaum eine andere ist so viel Blut, sind so viele Tränen vergossen worden. Sie bildet auch das zentrale Motiv der „Räuber“-Inszenierung der Querstreicher und der Auseinandersetzung der jungen Menschen mit dem historischen Stoff.

„Jeder hat gleiches Recht zum Größten und Kleinsten“ sagt der ungeliebte Franz gleich zu Beginn des Dramas und appelliert damit an das Grundrecht, dass in Deutschland niemand wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Von Gesetz wegen verboten, ist die Frage nach der Ungleichbehandlung von Menschen im täglichen Umgang jedoch häufig eine Frage der persönlichen Sympathie, der man sich trotz political correctness schwerlich entziehen kann. Spielt bei der Wahl unserer Freunde nicht auch immer die Ausstrahlung und nicht zuletzt auch die Attraktivität, das äußere Erscheinungsbild eine Rolle?

Es ist die subjektive, manchmal unterbewusste Ungerechtigkeit von Bevorzugung und Vernachlässigung die den wesentlichen Handlungsmotor der „Räuber“ ausmacht: a. Familiär in der Zuneigung Maximilians und Amalias zu Karl bzw. in der Abneigung gegenüber Franz, der erst auf Grund dieser Ungleichbehandlung seine boshaften Charakterzüge ausbildet; b. im Freundeskreis bei der Wahl des „Räuberhauptmanns“, wo Spiegelberg, als wirklicher politischer Denker und radikaler Weltverbesserer aus Überzeugung, gegenüber dem Idealisten und Charismatiker Karl den Kürzeren ziehen lässt, der zwar den Traum vom Freien Menschen träumt, aber eigentlich nur aus verletztem Stolz zum politischen Aktivisten wird; c. auch gesellschaftlich, denn was die jungen Menschen auf die Barrikaden treibt ist nicht nur jugendlicher Leichtsinn, Übermut und Spaß am Verbotenen, sondern vielmehr das Gefühl der Ungerechtigkeit der Welt in der sie leben und in die sie sich nicht kampflos integrieren lassen wollen. Wie schrieb schon Friedrich Schiller am Schluss seines „Parasiten“? „Der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.“

Die Entstehungsgeschichte
„Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! […]  Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung heranbricht!“ – So enthusiastisch gibt ein Zeitzeuge die Reaktionen auf die fünfstündige Uraufführung von Friedrich Schillers „Räubern“ am 13. Januar 1782 im Nationaltheater Mannheim wieder. Sie machte den jungen Militärarzt zum letzten Repräsentanten der ersten deutschen Jugendbewegung, dem „Sturm und Drang“ und über Nacht berühmt. Die radikale Ehrlichkeit und Unverstelltheit seiner Schreibweise, die Kraft in der Zeichnung der innerlich zerrissenen Charaktere lassen den ewig jungen Dichter und sein Erstlingswerk – Zeugnis seines Aufbegehrens gegen den militärischen Drill und Zwang seiner Kadettenzeit auf der Stuttgarter Karlsschule – auch für Jugendliche von heute nach wie vor interessant erscheinen. Das Stück thematisiert, vom Generationskonflikt über die Suche nach dem richtigen Platz im Leben und die zum Teil radikalen Weltveränderungspläne der Protagonisten bis hin zu den Problemen der jungen Menschen mit den katastrophalen Studienbedingungen, die ihnen jeden Freiraum zur Selbstverwirklichung rauben, Fragen, die auch 230 Jahre nach der Uraufführung an Aktualität nichts eingebüßt haben.

Die Umsetzung des Stückes durch die Jugendtheatergruppe des Werk9, Querstreicher, gibt den zeitlosen Stoff um zwei Drittel auf 90 Spielminuten verkürzt, aber sonst unverändert wieder. Auch die vielen Lieder, die sich durch Schillers Erstling ziehen, sind Musik geblieben, wurden jedoch, den etwas veralteten Herzschmerz der Barockoper, die Schiller als Anleihe nahm, beiseite lassend, durch die ungekünstelten Straßenmusiksongs von Alex ersetzt, welche die alten Räuber der Böhmischen Wälder durchaus authentisch zu urbanen Piraten werden lassen.

2011/2012 – eine Weihnachtsgeschichte

Eine Weihnachtsgeschichte – 2011 und 2012 haben die jugendlichen Darsteller*innen mit unseren Vorstellungen über 500 € Spenden für die Aktion Deutschland hilft gesammelt.

Ebenezer Scrooge ist, wie sein Name schon sagt, ein Geizhals wie er im Buche steht. Die Querstreicher haben sich in diesem Jahr daran gemacht, jenen missgünstigen und mitleidlosen Helden aus Charles Dickens weltbekannter “Weihnachtsgeschichte” aus eben jenem Buch auszuschneiden und ihm auf der Bühne Leben einzuhauchen. Sein Lebensmotto “Wenn jeder nur an sich denkt, ist an jeden gedacht!” verkehrt sich während der eineinhalbstündigen Aufführung durch die Konfrontation des hartherzigen Geldverleihers mit dem Elend und der Not seiner Schuldner zu der Einsicht, dass “nur der Liebe ernten wird, der nicht vergisst zu säen.”

Diese Einsicht geben die jugendlichen Darstellern ihrem Publikum nicht als moralischen Fingerzeig, sondern als warmherziges Lied, lachenden Auges und freudigen Herzens mit auf den Weg. Denn wie der Vater jenes “Weihnachtsliedes”, jener “Christmas-Charol” bereits wusste: “Es gibt wohl keine bessere Form mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor.”

Das Ensemble: Ebenezer Scrooge – Peter Stephan | Fred, sein Neffe – Elias Weber | Hannah, dessen Frau – Lara Wehlan (2012) / Johanna Braun (2011) | Geist der Vergangenen Weihnachten: Jasmin Zamani / Geist der Gegenwärtigen Weihnachten: Cihan Büyükari / Jacob Marley – Axel Stöcker (2012) / Kevin Patzke (2011) / Bob Cratchit – Philipp Liske / Mrs. Cratchit – Eve Mahn (2012) / Lisa Alexander (2011) | Belinda Cratchit – Celina Schmidt | Peter Cratchit – Till Hartig | Tiny Tim, Cratchits Jüngster – Marie Thimm | Susann Welfare – Anja Wagner | Mr. Fezziwig, – Wolf Koschwitz | Mrs. Dismissive, – Julia Meier | Miss Bale – Madeleine Thomele (2012) / Azyadé Belakdhar (2011) | Miss Meekness/Boon: Christin Froy (2012) | Marielena Krewer & Celina Schmidt (2011)

Das Produktionsteam: Textfassung/ Regie: Anja Wagner | Produktionsleitung: Norbert West | Musikalische Leitung: Wolf Koschwitz | Ausstattung: Julia Meier| Fotographie: Madeleine Thomele | Grafik/ Layout: Regina Tyllack | Lichttechnik: Annette Schulze | | Komposition: Wolf Koschwitz | Libretto: Anja Wagner

Die Band: Klavier, Schlagzeug – Wolf Koschwitz | Gitarre, Schlagzeug – Micha Strahl | Fagott – Max Müller | Cello – Sarah Westharp | Schlagzeug – Fabian Nowak

Alle Vorstellungstermine: Sa, 26. Nov. 2011, 19:30 Uhr | So, 27. Nov. 2011, 16:00 Uhr | Sa, 03. Dez. 2011, 19:30 Uhr | So, 04. Dez. 2011, 16:00 Uhr | Sa, 10. Dez. 2011, 19:30 Uhr | So, 11. Dez. 2011, 16:00 Uhr | Sa, 01. Dez. 2012, 19:00 Uhr | So, 02. Dez. 2012, 19:00 Uhr | Sa,15. Dez. 2012, 19:00 Uhr | Sonntag, 16. Dez. 2012, 16:00 Uhr

2011 – Don Carlos

DON CARLOS – ein dramatisch[gekürzt]es Gedicht von Friedrich Schiller

Don Carlos hat alles, was sich ein junger Mann von 23 Jahren wünschen kann. Er hat einen enthusiastischen, weitblickenden Freund, liebt eine begehrenswerte Frau mit einer schönen Seele und ist einziger Erbe eines Weltreiches in dem die Sonne niemals untergeht. Es gibt nur eine Schwierigkeit. Er leidet an einem für einen Mann in seiner Position tödlichen Übel: er hat ein Herz und eben dies wird ihm zum Verhängnis. Denn dass der Schlag eines fühlenden Herzens in den hohlen kalten Hallen des Spanischen Hofes widerhallte ist beinahe ein ganzes Menschenalter her.

Seid Carlos’ königliche Mutter bei dessen Geburt starb ist auch jede Liebe des Vaters für seinen Sohn erloschen. Gebeugt von der Last des Misstrauens und der Vereinsamung, mitleidlos und kalt kennt er in seinem versteinerten Herzen nur Argwohn und Verachtung gegenüber seinem Thronfolger, der ihm nicht mehr nur politisch als auch privat als Rivale gilt, seid er, der Staatsinteressen wegen, die Verlobte seines Sohnes, Elisabeth, zur Frau nahm. Zurecht sieht Carlos sich an diesem Hofstaat, an welchem es keine Interaktion gibt, die nicht durch Intrigen verzerrt wäre, von “hundert Tausend Augen” beobachtet.

Der Herzog Alba, der lange Arm und Schatten König Philipps, ein Mann von brutaler Grausamkeit überwacht jeden seiner Schritte wie ein Argus. Es ist ihm unmöglich mit der Königin, deren Hand ihm einst versprochen war, die ihre Liebe aber den moralischen Prinzipien unterordnet und durch ihre Empathie die Kraft zur Distanz besitzt, ungestört zu sprechen. Allein bei seinem Jugendfreund Marquis von Posa findet Don Carlos ein offenes Ohr und eine helfende Hand.

Doch Posa, zunächst Sinnbild des Genies der Freundschaft, wird immer undurchdringlicher. Seine Liebe gilt nicht dem einzelnen Menschen, sondern der Menschheit, für deren Verteidigung er jedes Opfer billigend in Kauf nimmt. Carlos wird zum Spielball höherer Pläne, in einem Drama, in dessen Verlauf große Worte von Menschheitsglück, Humanität, Menschenwürde und Gedankenfreiheit ebenso fanatisch beschworen wie auch wieder dekonstruiert werden, noch ehe sie zur Tat reifen können.

Die großen Ideale gehen als übereilte Frühgeburten einer zukünftigen Generationen zu Grunde und begraben unter sich jede Hoffnung auf Veränderung. Ungerührt und kalt erhebt sich aus den Trümmern einzig die ewig eiserne Faust der (Staats-) Gewalt.

Das Ensemble: Philipp der Zweite, König von Spanien – Fabian Ranglack | Elisabeth von Valois, seine Gemahlin – Johanna Braun | Don Carlos, der Kronprinz – Ken Kaschub | Marquis von Posa, ein Malteserritter – Max Bachmann | Prinzessin von Eboli – Anke Müller | Herzog Alba – Wolf Koschwitz

Das Produktionsteam: Strichfassung/ Regie: Anja Wagner | Regieassistenz: Jasmin Zamani | Produktionsleitung: Norbert West (Werk9) | Grafik/ Layout: Regina Tyllack

Alle Vorstellungen: Fr, 14. Januar 2011 (Premiere) | Sa, 15. Januar 2011* | So, 16. Januar 2011 | Fr, 11. Februar 2011 | So, 13. Februar 2011, jeweils 19:30 Uhr

* KULTUREXPRESS: Gastspiel im Haus der Jugend

Wenn man darüber nachsinnt, was Schillers “Don Carlos” dem modernen Zuschauer noch mehr sein kann als “ein Klassiker”, was Heute soviel oder besser sowenig wie “ein entstaubtes und kostümiertes Museumsstück” meint, so könnte man die Kritik an einem Überwachungsstaat ebenso geltend machen, wie die Anprangerung des religiösen Fanatismus.

Der Focus unserer Inszenierung zielt aber auf einen anderen Aspekt in Schillers Werk: den Fehlleistungen im zwischenmenschlichen Beziehungsgeflecht der Figuren, aus deren Unvermögen zur unverstellten offenen Kommunikation, Zweifel, Misstrauen und mit dem Verstummen auch Tatenlosigkeit erwachsen.

Der Mensch, als Individuum unselbstständig und unverstanden, wird als Exemplar einer Gattung generalisiert und als solches entweder mit bitterer Verachtung gestraft oder idealisiert. Die damit verbundene Unfähigkeit zum Mitgefühl ist eines der großen Verhängnisse im Handlungsgefälle, weil sie dazu führt, wie Schiller im elften Brief seiner Erläuterungen zum “Don Carlos” erklärt, “dass der uneigennützigste, reinste und edelste Mensch aus enthusiastischer Anhänglichkeit an seine Vorstellung von Tugend und hervorzubringendem Glück sehr oft versucht ist, ebenso willkürlich mit den Individuen zu schalten als nur immer der selbstsüchtigste Despot.” Und er fährt fort: “Wahre Größe des Gemüts führt oft nicht weniger zu Verletzungen fremder Freiheit als der Egoismus und die Herrschsucht, weil sie um der Handlung, nicht um des einzelnen Subjekts willen handelt. […] Die Tugend handelt groß um des Gesetzes willen, die Schwärmerei um ihres Ideals willen, die Liebe um des Gegenstandes willen. Aus der ersten Klasse wollen wir die Gesetzgeber, Richter, Könige, aus der zweiten die Helden, aber nur aus der dritten unseren Freund erwählen.”