2011 – Don Carlos

DON CARLOS – ein dramatisch[gekürzt]es Gedicht von Friedrich Schiller

Don Carlos hat alles, was sich ein junger Mann von 23 Jahren wünschen kann. Er hat einen enthusiastischen, weitblickenden Freund, liebt eine begehrenswerte Frau mit einer schönen Seele und ist einziger Erbe eines Weltreiches in dem die Sonne niemals untergeht. Es gibt nur eine Schwierigkeit. Er leidet an einem für einen Mann in seiner Position tödlichen Übel: er hat ein Herz und eben dies wird ihm zum Verhängnis. Denn dass der Schlag eines fühlenden Herzens in den hohlen kalten Hallen des Spanischen Hofes widerhallte ist beinahe ein ganzes Menschenalter her.

Seid Carlos’ königliche Mutter bei dessen Geburt starb ist auch jede Liebe des Vaters für seinen Sohn erloschen. Gebeugt von der Last des Misstrauens und der Vereinsamung, mitleidlos und kalt kennt er in seinem versteinerten Herzen nur Argwohn und Verachtung gegenüber seinem Thronfolger, der ihm nicht mehr nur politisch als auch privat als Rivale gilt, seid er, der Staatsinteressen wegen, die Verlobte seines Sohnes, Elisabeth, zur Frau nahm. Zurecht sieht Carlos sich an diesem Hofstaat, an welchem es keine Interaktion gibt, die nicht durch Intrigen verzerrt wäre, von “hundert Tausend Augen” beobachtet.

Der Herzog Alba, der lange Arm und Schatten König Philipps, ein Mann von brutaler Grausamkeit überwacht jeden seiner Schritte wie ein Argus. Es ist ihm unmöglich mit der Königin, deren Hand ihm einst versprochen war, die ihre Liebe aber den moralischen Prinzipien unterordnet und durch ihre Empathie die Kraft zur Distanz besitzt, ungestört zu sprechen. Allein bei seinem Jugendfreund Marquis von Posa findet Don Carlos ein offenes Ohr und eine helfende Hand.

Doch Posa, zunächst Sinnbild des Genies der Freundschaft, wird immer undurchdringlicher. Seine Liebe gilt nicht dem einzelnen Menschen, sondern der Menschheit, für deren Verteidigung er jedes Opfer billigend in Kauf nimmt. Carlos wird zum Spielball höherer Pläne, in einem Drama, in dessen Verlauf große Worte von Menschheitsglück, Humanität, Menschenwürde und Gedankenfreiheit ebenso fanatisch beschworen wie auch wieder dekonstruiert werden, noch ehe sie zur Tat reifen können.

Die großen Ideale gehen als übereilte Frühgeburten einer zukünftigen Generationen zu Grunde und begraben unter sich jede Hoffnung auf Veränderung. Ungerührt und kalt erhebt sich aus den Trümmern einzig die ewig eiserne Faust der (Staats-) Gewalt.

Das Ensemble: Philipp der Zweite, König von Spanien – Fabian Ranglack | Elisabeth von Valois, seine Gemahlin – Johanna Braun | Don Carlos, der Kronprinz – Ken Kaschub | Marquis von Posa, ein Malteserritter – Max Bachmann | Prinzessin von Eboli – Anke Müller | Herzog Alba – Wolf Koschwitz

Das Produktionsteam: Strichfassung/ Regie: Anja Wagner | Regieassistenz: Jasmin Zamani | Produktionsleitung: Norbert West (Werk9) | Grafik/ Layout: Regina Tyllack

Alle Vorstellungen: Fr, 14. Januar 2011 (Premiere) | Sa, 15. Januar 2011* | So, 16. Januar 2011 | Fr, 11. Februar 2011 | So, 13. Februar 2011, jeweils 19:30 Uhr

* KULTUREXPRESS: Gastspiel im Haus der Jugend

Wenn man darüber nachsinnt, was Schillers “Don Carlos” dem modernen Zuschauer noch mehr sein kann als “ein Klassiker”, was Heute soviel oder besser sowenig wie “ein entstaubtes und kostümiertes Museumsstück” meint, so könnte man die Kritik an einem Überwachungsstaat ebenso geltend machen, wie die Anprangerung des religiösen Fanatismus.

Der Focus unserer Inszenierung zielt aber auf einen anderen Aspekt in Schillers Werk: den Fehlleistungen im zwischenmenschlichen Beziehungsgeflecht der Figuren, aus deren Unvermögen zur unverstellten offenen Kommunikation, Zweifel, Misstrauen und mit dem Verstummen auch Tatenlosigkeit erwachsen.

Der Mensch, als Individuum unselbstständig und unverstanden, wird als Exemplar einer Gattung generalisiert und als solches entweder mit bitterer Verachtung gestraft oder idealisiert. Die damit verbundene Unfähigkeit zum Mitgefühl ist eines der großen Verhängnisse im Handlungsgefälle, weil sie dazu führt, wie Schiller im elften Brief seiner Erläuterungen zum “Don Carlos” erklärt, “dass der uneigennützigste, reinste und edelste Mensch aus enthusiastischer Anhänglichkeit an seine Vorstellung von Tugend und hervorzubringendem Glück sehr oft versucht ist, ebenso willkürlich mit den Individuen zu schalten als nur immer der selbstsüchtigste Despot.” Und er fährt fort: “Wahre Größe des Gemüts führt oft nicht weniger zu Verletzungen fremder Freiheit als der Egoismus und die Herrschsucht, weil sie um der Handlung, nicht um des einzelnen Subjekts willen handelt. […] Die Tugend handelt groß um des Gesetzes willen, die Schwärmerei um ihres Ideals willen, die Liebe um des Gegenstandes willen. Aus der ersten Klasse wollen wir die Gesetzgeber, Richter, Könige, aus der zweiten die Helden, aber nur aus der dritten unseren Freund erwählen.”

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